Zum Aus der Prior Börse. Drei wichtige Dinge habe ich von Egbert Prior gelernt.

Schönen Samstag, liebe Börsianer. Letzte Woche habe ich mit Tim Schäfer telefoniert. Tim ist gerade in Deutschland, wir suchen einen Termin für ein Treffen. In der Anlegerszene genießt er hohes Ansehen: Buy and Hold, Disziplin, Transparenz. Auf seinem YouTube-Kanal zeigt er regelmäßig sein reales Depot. Dass Tim seit mittlerweile sieben Jahren für unser aktien Magazin schreibt, macht mich stolz.

Kennengelernt haben wir uns vor 25 Jahren. Nach meinem Abitur im Jahr 2000 absolvierte ich ein Praktikum bei der Prior Börse in Frankfurt. Tim war damals mein Lektor. Und er war gnadenlos. Im besten Sinne. Meinen ersten Text schickte er mir um fast die Hälfte gekürzt zurück. Zu viele Füllwörter, zu viele Nebensätze, zu wenig Punkte. Eine Lektion, die mich bis heute begleitet.

Vor wenigen Tagen las ich bei LinkedIn die traurige Nachricht, dass Egbert Prior seinen Börsendienst einstellt. Nach 27 Jahren, nach 1.800 Ausgaben. Ein Stück Börsengeschichte endet. Tim stand bis zuletzt in Kontakt mit Prior und lieferte gelegentlich Texte. Gemeinsam ließen wir die Geschichte der Prior Börse noch einmal Revue passieren.

Wer erinnert sich noch an Egbert Prior? Er war eine der prägenden Figuren des Neuen Marktes. Ganz Börsendeutschland wartete gespannt auf seine Auftritte in der 3sat-Börse. Die Prior Börse war über Jahre der wichtigste Börsenbrief des Landes. Jede Einschätzung bewegte Kurse, jede Formulierung wurde seziert.

Als ich mein Praktikum begann, war die Party bereits vorbei. Der Neue Markt implodierte, die Stimmung war gedrückt. Egbert Prior analysierte vieles richtig, doch der öffentliche Druck hatte ihn in eine paradoxe Lage gebracht. Er kündigte Transaktionen stets vorab an – vorbildlich transparent. Gleichzeitig führten diese Ankündigungen in der Hochphase der Euphorie zu absurden Kurssprüngen. Prior musste Aktien zu überhöhten Preisen ins Musterdepot einbuchen. Am Ende wurde er Opfer seines eigenen Erfolgs.

Von Egbert Prior habe ich drei Dinge gelernt, die mich als Unternehmer positiv beeinflusst haben:

Erstens: Börsenpublikationen sind auch Unterhaltungsprodukte. Niemand liest gern trockene Zahlenfriedhöfe. Prior verstand es meisterhaft, Aktiengeschichten zu erzählen. Er schrieb pointiert, zugespitzt, manchmal brutal ehrlich. Über Intershop sagte er einmal: „Sie sprang als Tiger und landete als Bettvorleger.“ Mehr Analyse in einem Satz ist kaum möglich.

Zweitens: Eine Aktienanalyse braucht ein klares Fazit. Zu viele Texte enden mit der nichtssagenden Floskel, dass Kurse steigen oder fallen können. Das ist intellektuell korrekt, aber journalistisch wertlos. Gute Artikel über Aktien enden mit einer klaren Meinung.

Drittens: Verleger zu sein, ist ein großartiger Beruf. Die Prior Börse residierte in der Villa Steindecker im Frankfurter Westend. Unternehmen kamen zu Prior, nicht umgekehrt. Prior erwähnte die Villa Steindecker regelmäßig in seinen Texten. Er erschuf damit ein Marken­gefühl der Bedeutsamkeit und der Erhabenheit. Markenbildung avant la lettre. Ich fand das großartig. Und klug.

Warum verlor die Prior Börse am Ende an Bedeutung? Weil es nicht gelang, ein funktionierendes Online-Vertriebskonzept zu entwickeln. Das ist meine Beobachtung als Außenstehender. Im Börsenverlagsgeschäft funktioniert Online-Marketing anders als im klassischen E-Commerce. Unserer Produkte lassen sich nicht direkt verkaufen. Google Ads-Kampagnen auf Produktseiten zu schalten, ist gleichbeutend mit Geld verbrennen. Vertrauen entsteht über kostenlose Inhalte: Analysen, Reports, Webinare, Newsletter. Erst wer überzeugt, kann verkaufen. Darum konzentrieren sich bei TraderFox die Werbebudgets auf kostenlose Inhalte.

Egbert Prior ist heute im besten Verlegeralter. Vielleicht meldet er sich noch einmal zurück mit einem Blog oder einem Newsletter. Seine Texte wären eine Bereicherung für das Börsenpublikum.

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