Guten Morgen, liebe Börsianer. Künstliche Intelligenz kommt und die Tech-Titanen wanken. Die tiefen Burggräben von Firmen wie SAP, Microsoft, ServiceNow, Salesforce oder Workday wirken auf einmal überwindbar. Die Aktien verzeichnen heftige Kursverluste und hinterlassen traurige Anleger.
Wer sind die Angreifer? Es sind die gigantischen Rechenzentren. Auch hier herrscht derzeit eher Trübsal als Goldgräberstimmung. Der Grund: Milliardenschwere Investitionen lassen die Free Cashflows dahinschmelzen.
Das Erfolgsgeheimnis der großen Tech-Konzerne in den letzten zwei Jahrzehnten war ihre enorme Skalierbarkeit bei minimalem Kapitalaufwand. Software kostete fast nichts in der Vervielfältigung. Heute jedoch sind sie gezwungen, gewaltige „KI-Fabriken“ zu errichten. Sie müssen investieren wie klassische Industriebetriebe des 20. Jahrhunderts.
Allein Amazon investiert 200 Mrd. USD in Robotik und Künstliche Intelligenz. Das ist die größte Investitionssumme, die jemals ein Unternehmen in einem Jahr getätigt hat. Ein schwindelerregender Vergleich: Die gesamten Investitionsausgaben der Bundesrepublik Deutschland beliefen sich im Jahr 2025 auf lediglich 86,8 Mrd. €.
Wie passt das alles zusammen? Joseph Schumpeter würde sich vermutlich im Grabe ein zufriedenes Lächeln nicht verkneifen können. Schon vor über 90 Jahren wusste er: Wenn eine bahnbrechende Basistechnologie die Wirtschaft durchdringt, folgt die „schöpferische Zerstörung“. Alte Strukturen werden gnadenlos verdrängt. Das sorgt kurzfristig für eine depressive Stimmung an den Märkten.
Doch diese Depression ist lediglich ein temporärer Anpassungseffekt. Sobald das Fundament der neuen Infrastruktur steht, beginnt eine Phase kräftigen Wachstums, befeuert durch massive Produktivitätssteigerungen.
Die Wall Street reagiert auf Amazons Rekordinvestitionen derzeit noch reserviert bis skeptisch. Ich hingegen bin überzeugt, dass die Euphorie mit einer gewissen Verzögerung zurückkehren wird. Bis zum Jahr 2030 dürfte die Amazon-Aktie auf einem völlig anderen Niveau stehen. Ich bleibe investiert. Warum? Weil Amazon an einem doppelten Burggraben baut – einer Festung, geschützt durch digitale Überlegenheit und eine unerreichte physische Logistik.
Unternehmen automatisieren ihre Abläufe mithilfe von KI. Die Nachfrage nach Rechenleistung und Tokens explodiert und Amazon ist der zentrale Lieferant. Barclays prognostiziert für das dritte Quartal 2026 ein beschleunigtes Wachstum von rund 34 %, getrieben durch die Nachfrage nach autonomen „agentischen“ KI-Workloads.
In der realen Welt automatisiert Amazon derzeit seine komplette Logistikkette. In gigantischen Zentren lagern Millionen Waren, die dank Robotik innerhalb weniger Stunden beim Kunden sein können. Wer könnte diese Infrastruktur jemals in diesem Maßstab nachbauen? Niemand. Am Ende bestellen alle bei Amazon, weil niemand schneller liefert.